2016: Welt- und Selbstgestaltung im hohen Alter

Prof. Dr. Andreas Kruse, Heidelberg

 

Erhöhte körperliche Verletzlichkeit, zugleich seelisch-geistige Kräfte  

Das hohe Lebensalter, also die Zeitspanne ab Mitte des neunten Lebensjahrzehnts, konfrontiert den Menschen in zunehmendem Maße mit der Erfahrung erhöhter körperlicher und geistiger, nicht selten auch gefühlsmäßiger Verletzlichkeit. Eine wachsende Anzahl von Krankheiten, verbunden mit zum Teil schmerzhaften Symptomen und Einschränkungen der Selbstständigkeit, eine stärkere körperliche Erschöpfung und Ermüdbarkeit, zum Teil Phasen verringerter geistiger Leistungsfähigkeit bilden den Grund für die Erfahrung erhöhter Verletzlichkeit. mehr

Dabei erinnert diese den Menschen an die eigene Vergänglichkeit und Endlichkeit. Gerade in solchen Phasen nimmt seine Angewiesenheit auf eine Art der Begleitung und der medizinisch-pflegerischen Versorgung zu, die eine hohe Sensibilität für zentrale Lebens- und Sinnfragen des Menschen zeigt und diesen zugleich motiviert, „Ja zum Leben“ zu sagen. Grundlage für die Erfassung und das Ansprechen solcher Lebens- und Sinn - fragen bildet die thematische Betrachtung des Erlebens eines Menschen. Diese Art der Analyse lässt sich von der Frage leiten, welche Themen – Anliegen, Bedürfnisse, Wünsche, Hoffnungen, Erwartungen, Befürchtungen und Ängste – das individuelle Erleben im Lebenslauf und in der Gegenwart prägten beziehungsweise prägen. Dabei wäre es aber falsch, ginge man davon aus, dass das Leben im hohen Alter ausschließlich von Verlusten, von Verletzlichkeits-, Vergänglichkeits- und Endlichkeitserleben bestimmt wäre. Vielmehr lassen sich bei einer psychologischen Annäherung an das hohe Lebens - alter seelische und geistige Qualitäten beobachten, die dafür sprechen, die Verletzlichkeitsperspektive um eine Entwicklungsperspektive zu erweitern. Diese fragt nach möglichen Kräften im Hinblick auf die Gefühle (sich selbst, aber auch anderen Menschen und der Welt gegenüber), auf den Geist (hier sind Denken, Gedächtnis und Lernen sowie Erkenntnisse und Wissen angesprochen) und auf den innerseelischen Antrieb (nämlich in dem Sinne, Verantwortung für sich selbst, für andere Menschen und für die Schöpfung übernehmen zu wollen). Die Verbindung der Verletzlichkeits- mit der Entwicklungsperspektive stellt gerade mit Blick auf das hohe Lebensalter eine besondere Herausforderung dar.

 

 

 

Drei mögliche Kräfte im hohen Alter

Die psychologische Annäherung an das hohe Alter führt zu drei möglichen seelisch-geistigen Kräften: Die erste bildet die Introversion , das heißt die vertiefte Auseinandersetzung des Menschen mit sich selbst, die zweite die Offenheit , das heißt die Empfänglichkeit des Menschen für neue Eindrücke, Erlebnisse und Erkenntnisse, die aus dem Blick auf sich selbst wie auch aus dem Blick auf die umgebende (soziale) Welt erwachsen, die dritte schließlich die Generativität, das heißt die Überzeugung, in eine Generationenfolge gestellt zu sein und in dieser Verantwortung zu übernehmen. Diese drei grundlegenden Orientierungen können dabei auch durch Grenz­ erfahrungen , die mit der eigenen Verletzlichkeit verbunden sind, angestoßen werden. Denn die mehr und mehr in das Zentrum des Erlebens tretende Begrenztheit und Endlichkeit der eigenen Existenz erfordert die konzentrierte, vertiefte Auseinandersetzung mit sich selbst (Introversion). In dieser Intro­version drücken sich das im persönlichen Lebenslauf gewonnene Lebenswissen und das Wissen über sich selbst aus. In ihr entwickeln sich zugleich Lebenswissen und Wissen über sich selbst weiter. Gerade diese Weiterentwicklung bildet die Grundlage einer positiven Lebenseinstellung wie auch der gefassten und hoffenden Einstellung gegenüber der eigenen Endlichkeit.

 

Offenheit bedeutet auch, dass neue Themen gefühlsmäßig und geistig vermehrt besetzt werden. Mit Blick auf das höhere Lebensalter wird der Abzug der seelisch- geistigen Energie von körperlichen Prozessen und die noch stärkere Hinwendung auf psychische Prozesse als bedeutsame Aufgabe beschrieben, mit Blick auf das hohe Lebensalter der Abzug der seelisch-geistigen Energie vom eigenen Ich und die stärkere Hinwendung zur Schöpfung, zu spirituellen Themen oder aber zur Einfügung der eigenen Existenz in eine Generationenfolge. In dem stärker wer - denden Motiv, etwas an nachfolgende Generationen weiterzugeben, spiegelt sich dieses Hineingestellt-Sein in eine Generationenfolge wider (Generativität). Die Verletzlichkeits- und die Stärken-Sicht miteinander zu verbinden, bedeutet nicht, ein „positives“ Altersbild zu vertreten und ein „negatives“ Altersbild zu verwerfen. Hier geht es nicht um ein positives oder negatives Altersbild.

 

Etwas ganz anderes ist gemeint: nämlich die umfassende Sicht auf den Menschen bis an das Ende des Lebens eines Individuums aufrechtzuerhalten und zugunsten einer einseitigen, ausschließlichen Konzentration auf das Körperliche und auf die körperlichen Verluste aufzugeben. Eine solch umfassende Sicht geht auch von den bis ans Ende des Lebens gegebenen Entwicklungsmöglich - keiten des Menschen aus oder, wie es Karl Jaspers ausgedrückt hat:

 

"Im Leben gilt alles nur bis so weit, noch ist die Möglichkeit, noch ein Leben in die Zukunft, aus der neue Wirklichkeit, neue Tat auch das Zurückliegende neu und anders deuten kann."

Karls Jaspers in: Allgemeine Psychopathologie 1996, S. 37

 

Welt- und Selbstgestaltung im hohen Alter Der Wiener Arzt und Psychologe Viktor Frankl unterscheidet in seinem Buch „Der Wille zum Sinn“ (Bern, Huber, 2015) drei Formen der Wertverwirklichung: Die Gestaltung der Welt (homo faber) bildet eine erste Form der Wertverwirklichung, die Begegnung mit der Welt und die Aufnahme der Welt in sich selbst (homo amans) eine zweite, die Annahme des persönlichen Schicksals, auch des Leidens, mit dem das Schicksal konfrontiert (homo patiens), eine dritte. Für das Verständnis des hohen Alters ist diese Differenzierung zwischen drei Wertformen essenziell. Die Weltgestaltung ist auch im hohen Alter von großer Bedeutung, wobei in Phasen erhöhter Verletzlichkeit und zunehmend intensiver erfahrener Endlichkeit die sozialen Kontakte mehr und mehr auf einige wenige Personen begrenzt werden, mit denen ein enger gefühlsmäßiger Austausch gepflegt wird. In psychologischen und theologischen Beiträgen, die Memento-mori-Wirkungen (also Wirkungen, die sich aus der erlebten Nähe zum Tod auf Erleben, Verhalten und Handeln ergeben) untersuchen, wird hervorgehoben, dass sich mit zunehmender erlebter Nähe zum Tod eine umfassendere Weltsicht ergibt, mithin die Konzentration auf einen engen Themenskopus aufgegeben wird, und dass sich eine gelassenere Lebensein­stellung ausbildet, die durch die abnehmende Stärke von Gefühlen wie Ärger, Trauer, Reue und Freude begünstigt wird. Zudem ist hervorzuheben, dass sich die Themen, die den Menschen beschäftigen, mit erlebter Nähe zum Tode verändern: Spiritualität, Anteilnahme am Leben anderer Menschen und Dankbarkeit treten nun stärker in das Zentrum des Erlebens. Diese Veränderungen in den Themen drücken nicht nur eine veränderte Einstellung zur Welt, sondern auch eine veränderte Einstellung sich selbst gegenüber aus. Die dritte Form der von Viktor Frankl unterschiedenen Formen der Wertverwirklichung – die vermehrte Fähigkeit, das eigene Schicksal, das eigene Leiden anzunehmen – ist für das Verständnis der seelisch-geistigen Situation im hohen Alter ebenfalls sehr bedeutsam.

 

In letzter Konsequenz wird die Verbindung von Verletzlichkeits- und Entwicklungsperspektive umso besser gelingen, je mehr das Individuum in der Lage und bereit ist, die eingetretenen gesundheitlichen Grenzsituationen innerlich anzunehmen oder – wie es der Philosoph Hans-Georg Gadamer in seinem Buch „Verborgenheit der Gesundheit“ (Frankfurt, Fischer 2003) aus gedrückt hat – zu „verwinden“.

 

Grundlegende psychische Qualitäten für ein schöpferisches Leben

Welche grundlegenden psychischen Qualitäten sind für ein schöpferisches Leben – auch im hohen Alter – besonders wichtig? Vier Qualitäten und Prozesse sind hier zu unterscheiden.

 

Als erste Qualität ist die grundlegende Tendenz des Psychischen zu nennen, sich auszudrücken, sich mitzuteilen, auf Anregungen zu antworten, Neuartiges zu erleben, sich weiterzuentwickeln. Das Psychische ist dabei als ein Prozess zu begreifen, der ständig im Fluss ist – man denke nur an die Aussage von Heraklit: „Alles fließt.“ Dieser ständige Fluss, als den man das Psychische begreifen kann, weist eine große schöpferische Kraft auf: Erleben und Verhalten können sich kontinuierlich wandeln, wenn der Mensch offen für neue Erlebnisse und Eindrücke ist. Und dies gilt eben auch für das hohe Alter.

 

Als zweite Qualität ist die Selbstgestaltung zu nennen, das heißt das Bedürfnis, die Fähigkeit des Menschen, über sich selbst nachzudenken (auch im Austausch mit anderen Menschen) und auf dieser Grundlage die eigene Entwicklung mit zugestalten. Oder wie dies der ägyptisch-römische Philosoph Plotin im dritten Jahrhundert ausgedrückt hat: Menschen können an der eigenen Person wie an einer Skulptur arbeiten, die sie kontinuierlich verfeinern. Dies übrigens ist eine besonders wichtige Aufgabe des hohen Alters, auch wenn – wie uns der Glaube lehrt – das Leben immer „Fragment bleiben muss“.

 

Als dritte Qualität ist die Weltgestaltung zu nennen, also das grundlegende Bedürfnis, das Leben in den Dienst der Welt – anderer Menschen, einer Idee, einer Sache – zu stellen. Der Christ würde ergänzen: Wir stellen unser Leben in den Dienst Gottes und seiner Schöpfung . Viktor Frankl, von dem schon die Rede war, hat hervorgehoben, dass sich Sinn nur in dem Maße verwirklicht, in dem der Mensch eine Aufgabe außerhalb seiner selbst findet und zu lösen versucht.

 

Als vierte Qualität ist die Bezogenheit des Menschen zu nennen, das heißt das Bedürfnis, anderen unbedingte Achtung und Anerkennung zu schenken, zugleich unbedingte Achtung und Anerkennung durch andere zu finden und dabei auch – wie es der Philosoph Emmanuel Levinas* ausgedrückt hat – in seiner Verletzlichkeit unbedingt geachtet und angenommen zu sein. Hier ist das Menschenbild angesprochen, mit dem wir alten Menschen begegnen und welches diese selbst vertreten. Nehmen wir den Menschen in seiner Verletzlichkeit, in seiner Geschöpflichkeit unbedingt an? Drücken wir unsere Achtung vor der Menschenwürde auch jenen Menschen gegenüber aus, bei denen schwere Krankheiten vorliegen? Reduzieren wir diese Menschen nicht nur auf den Körper und Krankheiten, sondern erkennen wir in ihnen die seelischen, die geistigen, die spirituellen und sozialen Qualitäten? Damit sind wichtige gesellschaftliche Bedingungen für ein schöpferisches Leben im hohen Alter genannt.

 

Als zweite Qualität ist die Selbstgestaltung zu nennen, das heißt das Bedürfnis, die Fähigkeit des Menschen, über sich selbst nachzudenken (auch im Austausch mit anderen Menschen) und auf dieser Grundlage die eigene Entwicklung mit zugestalten. Oder wie dies der ägyptisch-römische Philosoph Plotin im dritten Jahrhundert ausgedrückt hat: Menschen können an der eigenen Person wie an einer Skulptur arbeiten, die sie kontinuierlich verfeinern. Dies übrigens ist eine besonders wichtige Aufgabe des hohen Alters, auch wenn – wie uns der Glaube lehrt – das Leben immer „Fragment bleiben muss“.

 

Als dritte Qualität ist die Weltgestaltung zu nennen, also das grundlegende Bedürfnis, das Leben in den Dienst der Welt – anderer Menschen, einer Idee, einer Sache – zu stellen. Der Christ würde ergänzen: Wir stellen unser Leben in den Dienst Gottes und seiner Schöpfung. Viktor Frankl, von dem schon die Rede war, hat hervorgehoben, dass sich Sinn nur in dem Maße verwirklicht, in dem der Mensch eine Aufgabe außerhalb seiner selbst findet und zu lösen versucht.

 

Als vierte Qualität ist die Bezogenheit des Menschen zu nennen, das heißt das Bedürfnis, anderen unbedingte Achtung und Anerkennung zu schenken, zugleich unbedingte Achtung und Anerkennung durch andere zu finden und dabei auch – wie es der Philosoph Emmanuel Levinas* ausgedrückt hat – in seiner Verletzlichkeit unbedingt geachtet und angenommen zu sein. Hier ist das Menschenbild angesprochen, mit dem wir alten Menschen begegnen und welches diese selbst vertreten. Nehmen wir den Menschen in seiner Verletzlichkeit, in seiner Geschöpflichkeit unbedingt an? Drücken wir unsere Achtung vor der Menschenwürde auch jenen Menschen gegenüber aus, bei denen schwere Krankheiten vorliegen? Reduzieren wir diese Menschen nicht nur auf den Körper und Krankheiten, sondern erkennen wir in ihnen die seelischen, die geistigen, die spirituellen und sozialen Qualitäten? Damit sind wichtige gesellschaftliche Bedingungen für ein schöpferisches Leben im hohen Alter genannt.

 

* Emmanuel Levinas: Zwischen uns. Versuche über das Denken an den Anderen. Hanser, München 1995