Schrift vergrößernSchrift verkleinern

Das Jahresthema 2008: Gesundheit – höchstes Gut?

Die von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland gemeinsam getragene Aktion möchte einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung über den Wert und die Würde des menschlichen Lebens leisten. Es geht dabei um die Wertschätzung des Lebens in einem umfassenden Sinn. Menschenwürde beginnt vor der Geburt und endet nicht mit dem Verlust intellektueller oder körperlicher Fähigkeiten. Ebenso wenig hängen Lebensfülle und ein sinnerfülltes Leben davon ab, was ein Mensch an körperlicher Leistungsfähigkeit aufzuwarten hat. Wo Gesundheit quasi religiös aufgeladen und zur alles bestimmenden Größe im Leben wird, da droht Gefahr für die Menschenwürde.

 

Gesundheit ist ein hohes Gut.

„Vor allem Gesundheit” wünschen sich Menschen an Geburtstagen. „Hauptsache gesund” kann man in kritischen Situationen hören. Und tatsächlich haben wir heute viele Mittel, um Krankheiten zu besiegen oder hinauszuschieben. Eine hoch entwickelte Medizin und Diagnostik, wirksame Medikamente und ein hoher Standard bei Hygiene und Ernährung führen dazu, dass die Menschen immer älter werden. Die kosmetische Industrie stellt zudem Produkte für den Erhalt eines vitalen Äußeren bereit. Fitnessstudio und Aktivurlaub helfen, gesund zu bleiben. Viele Menschen sind bereit, in Gesundheit, „Vitalität und Lebensfreude” zu investieren.

 

Lebensfülle ist aber mehr als Gesundheit.

Trotz aller Anti-Aging-Anstrengungen, trotz Sport und Fitness müssen sich die meisten Menschen auch mit Krankheiten auseinandersetzen und schließlich lernen, ihr Altern anzunehmen und sinnvoll zu
gestalten. Andere sind bereits mit einer chronischen Krankheit oder Behinderung geboren. Sie können ein Beispiel dafür sein, dass ein sinnerfülltes Leben trotz Beeinträchtigungen gelingen kann. Kranke und behinderte Menschen gehören in die Mitte der Gesellschaft. Wo sie in besondere Hilfesysteme „abgeschoben” werden, leiden nicht nur die Betroffenen. Ein falsches Ideal von Gesundheit und Leistungsfähigkeit verführt auch Gesunde, ihre Grenzen zu überschreiten, und zerstört die Fähigkeit zu Einfühlung, Mitleid und Hilfsbereitschaft. Die biblischen Heilungsgeschichten bezeugen, dass Jesus sich denen zugewandt hat, die damals am Rand der Gesellschaft standen. Ihnen hat er durch seine Heilungen mehr als bloß körperliche Genesung gebracht. Heilungen richten Gebeugte auf, holen Ausgestoßene in die Gemeinschaft zurück und eröffnen Horizonte des Miteinanders und Perspektiven der Hoffnung, die über die eigenen Kräfte hinausgehen. Wo Jesus Menschen heilend berührt, lässt er sie die Fülle des Lebens erfahren.

 

Den Menschen Heilung zu bringen,

ist für Jesus so zentral, dass er diese Aufgabe seinen Jüngern mit auf den Weg gibt: „Und er sandte sie aus mit dem Auftrag, das Reich Gottes zu verkünden und zu heilen” (Lk 9,2). Mitleid und Barmherzigkeit gehören von Anfang an zum Profil des Christentums, tätige Nächstenliebe gehört zum Wesen der Kirchen. Die seelsorgliche und diakonische Zuwendung zu den Kranken zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Kirchen. Vom Einsatz einzelner Personen wie Elisabeth von Thüringen oder Friedrich von Bodelschwingh über die Leistungen von kirchlichen Gemeinschaften in den zahlreichen Gründungen der Krankenfürsorge des 19. Jahrhunderts bis hin zu ihrer Rolle im modernen Gesundheitssystem als Trägerin kirchlich geführter Krankenhäuser und ambulanter Dienste – zu allen Zeiten haben die Kirchen in Leib- und Seelsorge den Auftrag Jesu umzusetzen versucht. Oft genug ist dabei deutlich geworden, dass Krankheiten Türen öffnen können, die Gesunden verschlossen bleiben: Türen zu einer anderen Tiefe der Wirklichkeit, zu innerer Reifung und Lebensfülle.